• Annika Vossen

GranGuanche Audax Gravel - Ein Rennen gegen mich selbst

Das GranGuanche

Mittlerweile ist das GranGuanche ein bekannter Name in der Liste der Ultradistanz-Rennen. Es ist ein unsupported, fixed-route ultra-cycling Rennen über fünf kanarische Inseln. Ziel ist es, die einzelnen Etappen auf den Inseln so abzufahren, dass man die Fähre zur nächsten Insel erwischt. Denn sollte man z.B. die letzte Fähre des Tages verpassen, bedeutet das eine ganze Nacht warten zu müssen und somit kostbare Stunden zu verlieren. Es gibt eine Rennrad-, eine Gravel- und eine MTB-Version. Im Januar habe ich bereits - als mein erstes Radrennen überhaupt - das GranGuanche Road mit 600km und 14.000 Höhenmetern gemacht. Es war ein taktisches Rennen gegen den Fährplan und ich konnte entgegen meiner Erwartung bis zur vorletzten Insel die Audax-Pace halten und als erste Frau ins Ziel rollen. Das GranGuanche Gravel hingegen war kein Rennen gegen die Fähren. Nein, es sollte ein Rennen gegen mich selbst werden.




Wie alles begann

Erst letztes Jahr im Herbst habe ich mit dem Radfahren angefangen. Davor habe ich mein Rad ausschließlich dafür benutzt, um zur Uni oder von meiner Wohnung in München an den Starnberger See zu fahren. Mein Einstieg ins “richtige” Radfahren war eine 1.400km Bikepackingtour von München nach Italien und wieder zurück. Seitdem war für mich klar, dass die langen Strecken genau meins sind - was vollkommen absurd ist, hatte ich doch noch bis vor kurzem Ausdauersport gehasst und Radfahrer als komische Gefährten mit hässlichen Bräunungsstreifen und Störfaktor auf den Straßen gesehen. Ich habe 12 Jahre lang Akrobatik gemacht, während Unizeiten dann Cheerleading und schließich hat es mich immer mehr in die Berge gezogen. Das Radfahren kam ungeplant, aber dafür umso intensiver in mein Leben. Von “50km ist eine Tagestour” zu “Ich mache ein 600km Radrennen” in 5 Monaten.



GranGuanche Audax Gravel 2022

Lanzarote - ein gemütlicher Einstieg ins Rennen

Am Samstag, den 19.03. geht es um 22 Uhr im Norden von Lanzarote für mich und 50 weitere Teilnehmer - davon 15 Frauen - los. Es warten 700km und 16.000 Höhenmeter auf fünf kanarischen Inseln auf mich. Bereits auf den ersten 10 Kilometern zerstreut sich die Gruppe und schon bald sehe ich vor und hinter mir einzelne Lichter in der Ferne tanzen. Lanzarote ist ein gemütlicher Einstieg. Die nächste Fähre geht erst um 8 Uhr morgens und somit kann ich die nächtliche Fahrt durch die beeindruckende Landschaft im Licht des Vollmonds geniessen. Die Strecke führt mich auf 110km mit 1400 Höhenmetern auf wunderschönen Gravelwegen vom Norden der Insel in den Süden. Früh morgens komme ich am Hafen an und lege mich noch eine Weile in meine Rettungsdecke gehüllt - denn Schlafsack und Isomatte wurden aus Platz- und Gewichtsgründen zuhause gelassen - zu ein paar anderen Teilnehmern auf den Boden vor eine Ladenzeile. Es ist kalt und ungemütlich, aber besser als gar keine Pause.




Fuerteventura - ein Strandbesuch ohne happy end

Fuerteventura fängt mit einem langen und zähen Stück durch den Wüstenabschnitt an der Küste an. Es ist unfassbar heiß und mein Hirn arbeitet offensichtlich schon nicht mehr auf Hochtouren. Bei einem kurzen Stopp vergesse ich mein Fannie Pack mit Ausweis, Handy und Kreditkarte und muss wieder ein paar Kilometer zurückfahren, um es zu suchen. Wertvolle Zeit rinnt dahin. Vor dem ersten Anstieg treffe ich in einem kleinen Café ein paar der anderen. Auch ihnen scheint die Hitze und das eintönige, flache Stück zuzusetzen. Ich gönne mir eine kalte Cola, tränke mein Trikot und meine Radmütze, stecke die Kopfhörer in die Ohren und mache mich an den Anstieg. Es läuft gut, meine Beine sind wieder da. Ich bin zuversichtlich, dass ich die 18 Uhr Fähre noch schaffen kann und buche mir schnell vom Handy aus ein Ticket. Doch die Ernüchterung kommt 15km vor dem Ziel: mein Garmin leitet mich an den Strand. Es geht mehrere Kilometer durch den nassen Sand. Ich kann nicht wie kalkuliert einen 20er Schnitt halten und meine Pläne für die Abendfähre sind dahin. Mir bleibt nichts anderes übrig, als eine Nacht auf Fuerteventura zu bleiben und am nächsten Morgen um 06:00 Uhr weiter nach Gran Canaria zu fahren.



Gran Canaria - die schönste Abfahrt meines Lebens

Die Route auf der dritten Insel, Gran Canaria, sieht auf den ersten Blick recht agenehm aus. Ein großer Buckel, das war’s. Wie sich herausstellt hat es der eine Anstieg allerdings in sich. Abschnitte mit über 20% Steigung zwingen mich immer wieder abzusteigen und mein Rad zu schieben. Mir rinnt der Schweiss in die Augen und mir kommt wieder dieser blöde Spruch “nach jedem Tief kommt ein Hoch” in den Kopf. Und so ist es natürlich auch diesmal. Oben angekommen werde ich mit der schönsten Abfahrt überhaupt belohnt. Zuerst geht es mit Vollgas ein paar Kilometer durch riesige Pinienbäume die Serpentinen auf Asphalt bergab. Und dann folgt eine schier endlos wirkende, ausgesetzte, teils verblockte und wunderschöne Gravelabfahrt Richtung Küste. Die schroffe Steilküste, das tief blaue Meer und die langsam untergehende Sonne machen die Insel perfekt.



Teneriffa - mit Matsch an den Beinen und italienischer Gesellschaft durch den Teide Nationalpark

Um 21:30 komme ich auf Teneriffa an. Die Insel, die der Rennveranstalter selbst als “the real challenge” angekündigt hat. 175km und 4000 Höhenmeter sind in der Tat eine Ansage. Daher entschließe ich mich dazu, die ersten 48km und 1800 Höhenmeter noch am Abend zu fahren, ein paar Stunden in einem Hotel zu schlafen und früh am Morgen den Rest der Srecke zu attackieren. Die Beine sind wahrlich nicht mehr frisch, weshalb ich für die paar Kilometer deutlich länger brauche als geplant. Nach einer 25% Rampe ganz zum Schluss komme ich klitschnass geschwitzt im Hotel an, springe unter die Dusche und lege mich zu Dani und Alex, zwei anderen Teilnehmern, mit denen ich mir das Zimmer teile, in das Doppelbett. Nach 2,5 Stunden unruhigem Schlaf klingelt der Wecker und ich frage mich, was ich hier eigentlich mache. Meine Motivation rauscht vollkommen in den Keller als ich feststelle, dass meine Radklamotten noch genau so nass sind, wie ich sie aufgehängt habe. Großartig. Wenig später folge ich dem Lichtkegel meiner Dynamolampe durch den noch stockfinseteren Wald. Es ist nass und matschig. An einer Weggabelung treffe ich auf einmal auf ein paar der Anderen. Es läuft Musik und es ist einer dieser wunderbaren Momente. Ein Haufen gleichgesinnter Verrückter aus aller Welt, alle übermüdet, ausgelaugt, nass, dreckverschmiert und trotzdem unendlich glücklich. Die letzten Höhenmeter führen bei strahlendem Sonnenschein und somit angenehmen Temperaturen durch den Teide Nationalpark auf 2.400 üNN. Der Anblick von dem roten Sand, den schwarzen Lavabrocken, den Schneeresten vom letzten Kälteeinbruch und der rieisge Vulkan sind all die Anstrengungen der letzten Stunden absolut wert. Zumal jetzt nur noch zwei kleine Hügel und dann 35km Straßenabfahrt anstehen. Und obwohl mir bereits nach der Hälfte der Abfahrt der Nacken krampft, kann ich nicht anders als mit 60km/h bis zum Hafen zu rauschen.



El Hierro - eine Nacht, die ich nie vergessen werde

Die letzte Insel, El Hierro, stellt sich nochmal als wahre Herausforderung für mich heraus. Schon bei der Ankunft im Hafen bin ich unendlich müde. Aber irgendwie kommt es mir sinnlos vor, jetzt noch zu schlafen, sind es doch "nur noch" 118km und 3650 Höhenmeter bis zur Ziellinie. Ein Kaffee, Guaranakapseln und Cola werden mir schon irgendwie über den ersten Buckel helfen und dann könnte ich ja immer noch ein paar Stunden an der Küste schlafen. So der Plan. Aber Pläne klappen nur selten und die ersten 11km haben es mit 800 Höhenmetern bereits in sich. Und so finde ich mich spät am Abend mitten in der Pampa todmüde in der Mitte des ersten Ansteigs wieder und kann einfach nicht mehr. Ich lege mich in meine Rettungsdecke gewickelt in einen verlassenen Garten und bin kurz drauf vollkommen unterkühlt, als es zu allem Überfluss auch noch zu regnen anfängt. Meine Rettung kommt unverhofft, als ich durch Zufall ein Auto höre und mich eine unendlich liebe, wenn auch verrückte Truppe, bestehend aus einer Russin, die nach El Hierro ausgewandert ist, ihrer Freundin und einem ehemaligen DJ von Lanzarote, mit zu sich nach Hause nimmt. Es ist wohl die seltsamste Nacht meines Lebens. Ich liege auf der Couch in einer etwas heruntergekommenen Bude, der DJ legt an seinem Pult Party-Mukke auf, es wird Rotwein getrunken und die zwei riesigen Hunde kommen hin und wieder bei mir vorbei, um mir das Gesicht vollzusabbern. Und so absurd dieser Moment auch ist, ich könnte nicht glücklicher sein.



Mein Glück hält an und als ich früh morgens noch im Dunkeln wieder losrolle, dauert es keine 2 Minuten bis ich auf Asja und Jacopo von Enough Cycling treffe. Wir fahren zu dritt durch dichten Nebel und an märchenhaften Riesenbäumen vorbei. Doch bald ist es leider schon wieder vorbei mit der Gesellschaft. Während einer Gravelabfahrt schaffe ich es irgendwie mich mit einem Vorwärtssalto vom Rad zu fegen. Zum Glück passiert nichts schlimmes - ein verbogener Lenker, der schnell wieder gerade gerückt ist, ein paar Kratzer an Knien und Händen und ein gestauchter Ellbogen. Wir fahren noch ein Stück zu dritt weiter, aber bei der nächsten Bank mache ich Pause und verliere den Anschluss. Nach einem kurzen Krisengespräch mit meinem Freund Till, geht’s weiter. Niemals würde ich JETZT aufgeben.


Mit Haftbefehl und Kanye West in den Ohren geht es den zweiten Anstieg mit 1500 Höhenmetern über 24 Kilometern auf den Pico de Malpaso. Die Bediungen werden mit jedem Höhenmeter härter: die Gravelwege sind verblockt und teilweise so steil, dass ich absteigen und schieben muss, der Wind ist so stark, dass ich selbst bergab kaum voran komme und der komplette Gipfel steckt im dicken Nebel. Die Aussicht von dort oben ist bestimmt schön, nur eben nicht heute. Auf der anderen Seite geht’s schnell bergab und langsam kommt Euphorie auf. Nur noch 18km. Die Euphorie wird jäh erstickt, als ich erneut vor ein paar 20% Rampen stehe. Ich quetsche den letzten Rest Kraft aus meinen Beinen und mir läuft der Schweiss runter. Ich will unbedingt die 14 Uhr Fähre nach Teneriffa bekommen, da ich dort bereits ein Hotel gebucht habe. Doch als ich kurz darauf fast aus der Kurve fliege und beinahe einen Abgang über die Klippen mache, wird mir klar, dass ich für mich schon längst das Rennen “gewonnen” habe. Jana ist vor Stunden als erste Frau ins Ziel gekommen, nachdem sie die komplette Nacht durchgefahren ist (Hut ab an dieser Stelle!). Asja, mit der ich immer mal wieder ein Stück zusammen gefahren bin, ist absolut verdient zweite Frau geworden. Ob ich jetzt hier auf den letzten Metern mein Leben riskiere oder nicht - ich werde Dritte Frau im Ziel werden und bin verdammt stolz drauf. Ich rolle also mit einem breiten Grinsen, ganz entspannt die letzten Kilometer ins Ziel, wo mich Dani, Nelia und Henna empfangen.



Nach dem Rennen ist vor dem Rennen

Ich hab’s geschafft - mein zweites Ultra-Event - bin durch Höhen und Tiefen gegangen und muss wieder einmal feststellen: so furchtbar es sich manchmal währenddessen anfühlt, es ist ein unfassbar schönes und einmaliges Erlebnis. Und jetzt heißt’s ab auf’s Rad, denn das nächste Abeneteuer wartet schon! ;)




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